Menschen ...

Eine bessere Welt für Pferde und Menschen
Nicole Greb und die Pferdeflüsterer
Aufmerksam beobachtet HighDee ihre Besitzerin, achtet auf jede Regung. Ein Handzeichen, eine leichte Bewegung am langen lockeren Halteseil – die Fuchsstute setzt sich rückwärts in Bewegung und erklimmt in Seelenruhe die Rampe zum Pfereanhänger. Stolz blickt sie auf ihre Reiterin hinab. Die lobt sie mit warmer Stimme und kann selbst ihren Stolz nicht ganz verbergen.
Was klingt wie eine Szene aus dem Film „Der Pferdeflüsterer“, spielt sich in diesem Fall auf einem Reitplatz in Detter ab. Und statt Robert Redford absolviert hier Nicole Greb aus Zeitlofs eine Trainingsstunde nach der Methode der „Parelli Natural Horsemanship“.
Von Arabitis, Seelenverwandschaften und Erziehungsfragen
Man könnte sagen: Nicole Greb reitet, seit sie laufen kann... die 1973 in Zeitlofs geborene selbständige Friseurin geht vollkommen in ihrem Hobby auf. Anfangs waren es Haflinger und Halbaraber, doch schon bald infizierte sie sich mit dem Virus der „Arabitis“, wie das Faible für die edlen Vollblutaraber in der Pferde-Fachwelt genannt wird.
Als sie 1996 durch Zufall auf einen aus den USA importierten Araberhengst aufmerksam wurde und sich die Gelegenheit bot, diesen zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis zu erwerben, griff sie zu. Was sie zunächst nicht wusste: „Astraled war nur deswegen so günstig zu haben, weil er als nicht reitbar galt – verdorben durch einen sogenannten „Ausbilder“, der das sensible Tier mit den üblichen harten Behandlungsmethoden versaut hatte“, empört sich seine Besitzerin. „Das hatte mir die Verkäuferin allerdings erst nach meinem Proberitt mitgeteilt, den Astraled zwar zugelassen hatte, wobei ich aber schon gemerkt habe, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Aber irgendwie gab es da gleich eine Seelenverwandtschaft“ berichtet die junge Frau mit einem Lächeln.
Der Schimmel ging in ihren Besitz über, und die junge Reiterin machte sich auf die Suche nach einer Methode, den Hengst gut zu erziehen und ihm gleichzeitig die Angst zu nehmen. Legen lassen - also kastrieren - wollte sie ihn nicht, da er eine ausgezeichnete Abstammung und sehr gute körperliche und charakterliche Eigenschaften hat.
Sie wollte ihm die Möglichkeit geben, das zu vererben. „Für mich stand aber fest, dass er normal geritten und auch mit den anderen Pferden zusammen leben wird, darum war es unumgänglich, ihn gut händeln zu können“, erzählt die Besitzerin. Und so stieß sie auf die Parelli-Methode.
"To make the World a better Place for Horses and Humans!"...
… das ist der Leitspruch des US-Amerikaners Pat Parelli, der ein anerkannter Pferdetrainer und Rodeoreiter war, bevor er 1981 damit begann, das Konzept von Parelli Natural Horsmanship, kurz PNH, zu entwickeln. In den vergangenen Jahren hat er sein Programm - gemeinsam mit seiner Frau Linda - kontinuierlich ausgebaut und immer wieder seinen neusten Erkenntnissen im Umgang mit Pferden angepasst. Heute ist PNH ein anerkanntes und erfolgreiches Ausbildungskonzept, welches den Ansatz eines behutsamen und einfühlsamen Pferdetrainings etablierte. Parelli zählt gemeinsam mit Monty Roberts zu den so genannten „Pferdeflüsterern“.
Parelli ist keine Reitart, sondern eine Grundausbildung für Mensch und Pferd, die ihre Wurzeln im natürlichen Herdenverhalten der Tiere hat. Sie basiert auf gegenseitiger Kommunikation, auf Respekt und Vertrauen zwischen Mensch und Pferd und berücksichtigt die unterschiedlichen Ansprüche der verschiedenen Pferdepersönlichkeiten, „horsenalitys“ genannt.
Dabei werden Mensch und Pferd in vier Bereichen ausgebildet: Bodenarbeit am Seil (englisch „online“), Bodenarbeit ohne Seil in Freiheit („liberty“), Reiten ohne ständigen Zügelkontakt („freestyle“) und Reiten mit Kontakt („finesse“)
Es spielt keine Rolle, ob man Englisch oder Western reitet, ob man mit seinem Pferd nur die Freizeit verbringen möchte oder im Reitsport ambitioniert ist. Es geht in erster Linie darum, die Bedürfnisse und Instinkte des Pferdes besser zu verstehen und dieses Wissen im Alltag anzuwenden, um Problemen vorzubeugen, bevor sie überhaupt entstehen können.
Theorie und Praxis
Das sind aber alles nur theoretische Schlagworte. Was kann man sich darunter vorstellen? „Bei Parelli gibt es weder physische Gewalt noch materielle Hilfsmittel“, erklärt die 36-jährige. „Bedenkt man, dass ein Pferd jede Fliege auf seinem Fell spürt, kann man erahnen, wie feinfühlig so ein Tier ist. Man braucht keine Härte, alles kann spielerisch ablaufen – über Bewegung, Berührung, Annäherung und Rückzug. Eben wie das natürliche Herdenverhalten. Man muss dieses einfach beobachten und nachahmen. Es gibt keine bösen oder schlechten Pferde, es ist alles eine Frage des Umgangs. Wenn ein Pferd beispielsweise beißt oder tritt, ist das immer ein Zeichen von Angst – oder es mag einen nicht und möchte daher der Chef sein. Man muss hier einfach subtil Führungsqualitäten entwickeln – wie im Berufsleben auch“, sagt sie augenzwinkernd. Geritten wird stets mit lockerem Zügel, meist sogar nur mit einem Halfter ohne Gebiss. Die Pferde reagieren auf die Stimme, auf Gesten und Blicke - und auf die Körperhaltung „ihres“ Menschen. Anders herum achtet der Mensch ebenso auf den Gesichtsausdruck des Pferdes und seine körperlichen Reaktionen. „Es geht immer nur um die Beziehung zwischen Dir und dem Tier. Wenn Du es verstehst, kannst Du mit ihm kommunizieren“. Die Reiterin legt Wert auf die Feststellung, dass mit den Pferden nicht gearbeitet, sondern gespielt wird.
Es ist absolut erstaunlich zu sehen, wie Pferde und Menschen in dieser Weise miteinander umgehen. Zutrauen und Gelassenheit merkt man in jedem Augenblick. Voller Ruhe meistern die Vierbeiner Prüfungen wie das beschriebene Betreten des Hängers, laufen über kippende und schaukelnde Bretter und lassen sich auch von lauten und plötzlichen Geräuschen nicht aus der Ruhe bringen. Auf Zuruf springen sie über Hindernisse, was ein Pferd ohne triftigen Grund nie machen würde. Und sie legen sich zu ihren Menschen auf den Boden – der wohl größte Vertrauensbeweis des Fluchttieres gegenüber dem „Raubtier“ Mensch.
Neue Herausforderungen und eine neue Pferderasse
Astraled lernte damals schnell und eifrig. „Araber sind enorm sensibel und sehr klug“, weiß Nicole. „Nachdem er wieder Vertrauen gefasst hatte, begann er großen Spaß an den Übungen zu haben, und innerhalb weniger Monate hatte ich ein ganz anderes Pferd“, strahlt sie. „Er lässt sich zu jeder Zeit leicht händeln - selbst wenn er mit rossigen Stuten zusammen geritten wird, merkt man nicht, dass ein Hengst anwesend ist“.
Der schöne Schimmel ist mit seinen nunmehr 20 Jahren zwar noch fit und deckt auch noch gerne die ein oder andere Stute. Doch er hat sozusagen „ausgelernt“, und die engagierte Reiterin suchte nach neuen Herausforderungen. Da sie oft und gerne im Western-Stil reitet und auch an Turnieren teilnimmt, begann sie sich für die Rasse der Quarter Horses zu interessieren. Diese Pferde sind speziell für die Arbeit der Cowboys gezüchtet worden – kompakt im Wuchs und äusserst wendig, bestechen sie besonders durch Lernfreude und beste Reiteigenschaften. Alles Vorzüge, die Nicole sehr schätzt. Und so holte sie bald die Quarter-Stuten Joy und Jule nach Zeitlofs. Unser Foto-Modell, die fünfjährige HighDee, ist bereits eine Tochter von Jule. Alle Pferde leben das ganze Jahr gemeinsam in einer Herde – in Offenstallhaltung. Nicole legt auch hier Wert auf Natürlichkeit und artgerechte Behandlung. Die Pferde danken es ihr mit Gesundheit und Robustheit.
Zukunftspläne
Joy brachte vor einigen Monaten ihr erstes Fohlen zu Welt. Der kleine Maverick hat beste Abstammungspapiere, und die junge Züchterin setzt große Hoffnungen in ihn - und in seine Ausbildung. Schon in den ersten Lebenstagen übte sie mit dem Kleinen, nahm ihm spielerisch die Scheu vor dem Anbindeseil und lehrte ihn durch Streicheln und Betasten der Beine das Heben der Hufe (für die spätere Hufpflege beispielsweise). Ihre Jungpferde bekommen die besten Grundlagen mit auf den Weg.
Und Nicole geht noch einen Schritt weiter: im nächsten Jahr nimmt sie an einem vierwöchigen Kurs in den USA, im „Florida Study Center“ teil – als Basis für die Instruktoren-Ausbildung nach Parelli. „Vielleicht kann ich diese Ausbildungsmethode dadurch noch ein bisschen mehr verbreiten“, überlegt die junge Frau.
Damit noch vielen weiteren Pferden das Schicksal ihres Astraled erspart bleibt...


Wer sich ausgiebiger mit der Arbeit der „Pferdeflüsterer“ beschäftigen möchte, findet im Internet viel Wissenswertes:
http://www.parellinaturalhorsetraining.com/
http://www.parelli-instruktoren.com/sites/home/index.html
Live erleben kann man Nicole Greb und ihre Reitgenossen unter Anderem beim alljährlich stattfindenden „Tag des Pferdes“ des Reit- und Fahrvereins Detter/Weißenbach e.V., den wir auf RHÖNPULS natürlich rechtzeitig ankündigen!
Text/Fotos: Kerstin Junker

















